Eine Stadt kann beeindruckende Verkehrsprojekte eröffnen und trotzdem am Alltag vieler Frauen vorbeiplanen. Entscheidend ist manchmal nicht die schnellste Verbindung ins Zentrum, sondern die Kette aus Kita, Arbeitsplatz, Einkauf und Unterstützung für Angehörige. Wenn jede Station eigene Öffnungszeiten, Formulare und Wege verlangt, wird aus einer überschaubaren Liste ein ganzer Arbeitstag. Was würde sich ändern, wenn eine Stadt diese Zeit nicht als privates Organisationsproblem behandelt, sondern als Frage öffentlicher Infrastruktur? Kathmandu liefert dafür einen aktuellen Ansatz, der über Nepal hinaus Aufmerksamkeit verdient.
Ein am 29. Oktober 2026 veröffentlichtes UN-Beispiel beschreibt, wie die nepalesische Hauptstadt mit dem Konzept einer Caring City arbeitet. Es geht um die Sichtbarkeit und Organisation von Betreuung und Unterstützung, nicht um ein fertiges Erfolgsrezept. Der Ansatz ist interessant, weil er Gleichstellung mit Stadtplanung verbindet. Dieser Beitrag ordnet den dokumentierten Praxisfall ein und entwickelt daraus Fragen für Kommunen und Mädchenprojekte. Er beruht auf Quellenanalyse, nicht auf einem eigenen Besuch in Kathmandu. Die ergänzenden Alltagsszenarien sind konstruierte Beispiele und werden nicht als Erlebnisse betroffener Frauen ausgegeben.
Was Kathmandu gerade anders versucht
Der UN-Bericht über Kathmandu beschreibt die seit 2024 bestehende Zusammenarbeit von UN Women Nepal und der Stadtverwaltung. Ein räumlicher Abgleich untersuchte den Bedarf an Kinderbetreuung, Angeboten für ältere Menschen und Unterstützung bei Behinderungen im Verhältnis zu vorhandenen Diensten. Dabei wurde auch sichtbar, dass Familien bestehende Angebote nicht immer kannten. Aus Beratungen mit unterschiedlichen Beteiligten entstanden Ansätze für gemeinschaftliche Anlaufstellen, die mehrere Dienste näher zusammenbringen sollen.
Das ist zunächst eine dokumentierte Veränderung von Planung und Zusammenarbeit. Es ist noch kein unabhängiger Nachweis, dass sich die tägliche Sorgezeit aller Frauen in Kathmandu bereits verringert hat. Genau diese Unterscheidung macht das Beispiel nützlich. Die interessante Leistung liegt darin, verstreute Bedürfnisse als zusammenhängende städtische Aufgabe zu behandeln. Für andere Kommunen folgt daraus keine Aufforderung, ein Gebäude oder einen Namen zu kopieren. Sinnvoller ist die Frage, welche Informationen vor Ort fehlen und welche Wege die Bewohnerinnen tatsächlich bewältigen müssen.
Warum der Begriff Care mehr umfasst als Kinderbetreuung
Sorgearbeit umfasst in diesem Beitrag die Betreuung, Pflege und alltägliche Unterstützung von Menschen sowie die Organisation, die dafür nötig ist. Eine zusätzliche Kita kann eine wichtige Entlastung sein, löst aber nicht automatisch die Begleitung eines erkrankten Angehörigen oder die Suche nach einem barrierefreien Beratungsangebot. Auch Termine koordinieren, Medikamente abholen und passende Informationen finden beansprucht Zeit. Für eine kommunale Bestandsaufnahme empfehlen wir deshalb, zunächst Tätigkeiten zu erfassen, statt nur vorhandene Einrichtungen zu zählen. So wird sichtbar, welche Verbindungen zwischen Angeboten fehlen.
Im konstruierten Beispiel erreicht eine Frau den Pflegestützpunkt nur während ihrer Arbeitszeit. Die Einrichtung ist formal vorhanden, praktisch aber schwer nutzbar. Ein anderer Haushalt braucht eine verständliche Erklärung in einer weiteren Sprache. Wieder ein anderer scheitert daran, dass zwei Behörden dieselben Unterlagen in unterschiedlichen Verfahren verlangen. Diese Situationen verlangen verschiedene Antworten. Sie gemeinsam zu betrachten bedeutet nicht, jede Leistung an denselben Ort zu verlegen. Es bedeutet, den Zugang aus Sicht der Menschen zu prüfen, die ihn im Alltag organisieren müssen.
Die globale Zahl hinter dem lokalen Zeitproblem
Die Internationale Arbeitsorganisation schätzte 2024 auf Grundlage von Daten aus 125 Ländern, dass 2023 weltweit 708 Millionen Frauen wegen unbezahlter Sorgeverantwortung außerhalb des Arbeitskräfteangebots standen. Bei Männern waren es 40 Millionen. Diese Angabe betrifft einen bestimmten statistischen Sachverhalt. Sie zählt weder alle unbezahlten Arbeitsstunden noch sämtliche Frauen mit Sorgeaufgaben. Erwerbstätige Frauen, die daneben betreuen oder pflegen, verschwinden nicht aus dieser Verantwortung, nur weil sie zur hier betrachteten Gruppe außerhalb des Arbeitskräfteangebots nicht gehören.
Die ILO warnt außerdem davor, ihre neue Schätzung unmittelbar mit der älteren Zahl von 2018 zu vergleichen, weil sich die Methodik verändert hat. Ein scheinbar einfacher Vorher-nachher-Vergleich wäre deshalb irreführend. Für eine Stadtverwaltung ist diese Genauigkeit praktisch relevant: Wer Fortschritt messen will, braucht gleichbleibende Definitionen oder muss Änderungen erklären. Die globale Schätzung begründet Aufmerksamkeit für Sorgearbeit. Welche Dienstleistung in einem bestimmten Stadtviertel fehlt, lässt sich daraus jedoch nicht ablesen. Dafür sind lokale Daten und Gespräche mit den betroffenen Menschen erforderlich.
Der Schulweg gehört zur Gleichstellungsfrage
Für Mädchen kann Stadtplanung auf mehreren Ebenen wichtig sein. Sie nutzen Bildungs- und Freizeitangebote und können zugleich im Haushalt Aufgaben übernehmen. Wie viel Zeit das konkret beansprucht, darf ein lokales Projekt nicht einfach voraussetzen. Es kann aber fragen, ob Öffnungszeiten, Fahrtkosten und Wege bestimmte Teilnahmen erschweren. Ein MINT-Kurs am späten Nachmittag ist möglicherweise gut gemeint und trotzdem schwer erreichbar. Die passende Antwort könnte ein anderer Zeitpunkt, eine bessere Verbindung oder die Abstimmung mit einem weiteren Angebot sein.
Ein Mädchenprojekt könnte freiwillige Wegeprotokolle anbieten, die ohne Namen und genaue Wohnadressen auskommen. Darin wird beispielsweise festgehalten, welche Stationen an einem typischen Tag anfallen und wo Wartezeit entsteht. Die Teilnahme muss ohne Nachteile ablehnbar sein, und einzelne Wege dürfen nicht öffentlich nachvollziehbar werden. Die Gruppe könnte anschließend gemeinsame Muster besprechen. Das wäre eine lokale Erkundung, keine repräsentative Studie. Ihr Wert liegt darin, Planungsannahmen mit tatsächlichen Bedürfnissen zu konfrontieren und daraus verhandelbare Verbesserungen zu entwickeln.
Nähe reicht nicht, wenn der Zugang fehlt
Auf einer Karte kann eine Einrichtung sehr nah aussehen. Ob sie nutzbar ist, hängt zusätzlich von Kosten, verfügbaren Plätzen, Barrierefreiheit und den Bedingungen der Anmeldung ab. Für einen Vergleich empfehlen wir deshalb einen einfachen Zugangstest: Wie würde eine Person ohne Auto, mit wenig Zeit und ohne sichere Kenntnisse des Verwaltungssystems das Angebot finden und nutzen? Ein solcher Test sollte gemeinsam mit Menschen entwickelt werden, die diese Situation kennen. Sonst wird nur geprüft, ob der Zugang für die planende Verwaltung selbst verständlich wirkt.
Auch digitale Vereinfachung verlangt diese Perspektive. Ein Onlineformular kann Wege sparen. Ein ausschließlich digitales Verfahren kann neue Hürden schaffen, wenn Unterlagen fehlen oder kein geeignetes Gerät verfügbar ist. Unsere Empfehlung lautet deshalb, verschiedene Kontaktmöglichkeiten nach demselben Anspruch zu gestalten: verständlich, erreichbar und mit einer benannten Zuständigkeit. Der Erfolg einer Digitalisierung sollte nicht nur an der Anzahl abgeschickter Formulare gemessen werden. Interessanter ist, ob Menschen den Vorgang tatsächlich abschließen können und wie viel zusätzliche Hilfe sie dafür benötigen.
Wer entlastet wird – und wer die Entlastung bezahlt
Eine Stadt kann Sorgearbeit aus Haushalten in bezahlte Dienste verlagern. Damit stellt sich sofort die Frage nach den Arbeitsbedingungen in diesen Diensten. Der ILO-Weltbericht zum Sozialschutz 2024–2026 weist darauf hin, dass viele Beschäftigte im Care-Bereich keinen ausreichenden Sozialschutz haben. Der Ausbau von Angeboten sollte deshalb nicht allein nach der Zahl neuer Plätze bewertet werden. Auch die Menschen, die betreuen, unterstützen, reinigen und organisieren, gehören in die Gleichstellungsbilanz.
Für eine kommunale Entscheidung schlagen wir vor, Personalplanung und Zugangsplanung gemeinsam zu behandeln. Öffnungszeiten lassen sich auf dem Papier leicht verlängern; ein verlässliches Angebot braucht dafür Personal, Qualifikation und ein tragfähiges Budget. Werden diese Bedingungen erst nach der Eröffnung geprüft, wird die Entlastung womöglich auf Beschäftigte abgewälzt. Ebenso wenig sollte ehrenamtliches Engagement stillschweigend Lücken dauerhaft schließen müssen. Freiwillige Arbeit kann eine wertvolle Ergänzung sein. Welche Verantwortung bezahlt und verbindlich organisiert werden muss, sollte jedoch öffentlich entschieden werden.
Eine andere Rechnung für kommunale Investitionen
Was kostet eine neue Anlaufstelle, und was kostet ein unveränderter Alltag? Die erste Frage taucht meist im Haushalt auf, die zweite viel seltener in einer vergleichbaren Form. Dabei kann eine Maßnahme für Bürgerinnen Zeit sparen, während die Kommune zunächst zusätzliche Ausgaben sieht. Wir empfehlen deshalb, neben Bau- und Betriebskosten auch die erwarteten Wege, Wartezeiten und Zugangshürden transparent zu beschreiben. Daraus ergibt sich noch keine fertige volkswirtschaftliche Rechnung. Es verbessert aber die Grundlage, auf der politische Prioritäten diskutiert werden.
Ein überschaubarer Pilot könnte in einem Viertel beginnen und vorher festlegen, was untersucht wird: Finden mehr Menschen den passenden Dienst? Verkürzt sich die Zeit zwischen erster Anfrage und tatsächlicher Unterstützung? Welche Gruppen werden weiterhin nicht erreicht? Wichtig wäre, auch Ablehnungen, Ausfälle und unerwarteten Zusatzaufwand zu dokumentieren. Eine reine Zahl von Beratungskontakten kann Aktivität belegen, aber keine gelöste Aufgabe. Wer einmal angerufen hat und danach ohne Unterstützung bleibt, sollte in der Auswertung nicht automatisch als erfolgreich versorgt erscheinen.
Beteiligung braucht mehr als eine Einladung
Eine Abendveranstaltung kann ausgerechnet diejenigen ausschließen, die zu dieser Zeit betreuen oder pflegen. Deshalb sollte eine Caring City auch die eigene Beteiligungspraxis prüfen. Verschiedene Termine, barrierefreie Räume, verständliche Unterlagen und gegebenenfalls eine Aufwandsentschädigung können dafür wichtige Voraussetzungen sein. Welche Form gebraucht wird, sollte vor Ort geklärt werden. Die Verwaltung darf nicht davon ausgehen, dass alle Bewohnerinnen dieselben zeitlichen Möglichkeiten oder Erfahrungen mit öffentlichen Debatten haben. Auch schriftliche, telefonische oder vermittelnde Wege können sinnvoll sein.
Entscheidend ist die Rückmeldung nach der Beteiligung. Was wurde übernommen, was verworfen und aus welchem Grund? Wer Familien nach ihren Problemen fragt und anschließend nur eine allgemeine Projektmeldung veröffentlicht, lässt den wichtigsten Teil offen. Für Mädchen und junge Frauen sollte außerdem erkennbar sein, welche Entscheidungen sie tatsächlich beeinflussen können. Eine echte Wahl zwischen Öffnungszeiten oder Standorten ist anders zu bewerten als eine unverbindliche Ideensammlung. Diese Unterschiede offen zu benennen verhindert Enttäuschung und macht spätere Zusammenarbeit glaubwürdiger.
Was andere Städte aus Kathmandu mitnehmen können
Kathmandu zeigt eine Planungsrichtung: Sorgebedarf sichtbar machen, bestehende Angebote verständlicher verbinden und unterschiedliche Akteure an einer gemeinsamen Aufgabe arbeiten lassen. Ob und in welchem Umfang das langfristig Zeit, Einkommen oder Lebensqualität verändert, muss weiter untersucht werden. Der veröffentlichte Praxisbericht ersetzt diese Wirkungsmessung nicht. Er eröffnet jedoch eine konkrete Diskussion darüber, was eine Stadt eigentlich bereitstellt und welche Arbeit sie bisher stillschweigend an Haushalte weitergibt. Genau diese Frage verbindet Geschlechtergerechtigkeit mit nachhaltigen Städten und menschenwürdiger Arbeit.
Für eine Kommune könnte der nächste Schritt deshalb überraschend klein und zugleich politisch anspruchsvoll sein: einen typischen Versorgungstag gemeinsam mit Bewohnerinnen durchgehen und danach eine klar benannte Hürde beseitigen. Vielleicht ist es ein unverständlicher Zugang, vielleicht eine fehlende Verbindung zwischen zwei Diensten. Aus dieser Verbesserung wird erst dann eine dauerhafte Veränderung, wenn Verantwortung, Finanzierung und Prüfung feststehen. Die spannendste Infrastruktur einer Stadt muss nicht die größte sein. Sie kann diejenige sein, die Menschen verlässlich Zeit und echte Wahlmöglichkeiten zurückgibt.
